Ein Motorrad-Händler im Jahr 1979
und nicht jeder bekommt eine 1000er

 

Früher war er Erfinder. Seine bedeutendste: die Puten-Rupfmaschine. Heute (1979) verkauft und wartet Hans-Theo Laaks Motorräder. Allerdings mit ungewöhnlichen Methoden.

01 Gehoeft DeuteIch bin reinmanövriert worden in meine jetzige Arbeit durch Leute, die wußten, daß ich etwas von Motorrädern verstehe.“ Nie habe Hans-Theo Laaks bewußt auf das Ziel hingearbeitet, einen Motorrad-Fachhandel aufzuziehen. Skeptisch war er auf die Anregung der Freunde eingegangen und hatte den Sprung schließlich doch gewagt.

Bis 1974 hatte Hans-Theo Laaks vorwiegend Transportgeräte für die Industrie gebaut und allerlei nützliche und originelle Dinge erfunden. Unter anderem eine Maschine, die den Bäuerinnen die Arbeit abnimmt, geschlachtete Truthühner von der Federpracht zu befreien: eine Puten-Rupfmaschine.

Auf Motorräder umzusteigen, war für ihn und seine Frau Margarethe, von den Kunden „das Grete“ gerufen, damals ein Wagnis. Würden genug Kunden den Weg in den kleinen Ort finden? Würden die Zweirad-Fans nicht die Anfahrt aus Kassel – etwa 15 Kilometer – scheuen? Aber trotz der Bedenken begann Laaks, die ehemaligen Pferdeställe des Anwesens zu Verkaufsräumen und zur Werkstatt herzurichten: ein mehr als 200 Jahre altes Gehöft in Deute, einem kleinen Dorf in der Nähe von Kassel. Inzwischen hatte ihn, der selber jahrelang Rennen gefahren ist (NSU Max und Maico 125 cm³), die Lust an dem Projekt gepackt.

So ungewöhnlich wie der Start war, so außergewöhnlich für einen Motorradfachhandel ist auch der äußere Rahmen, sind die Verkaufs- und Beratungsmethoden der Firma Laaks. Wer das erste Mal nach Deute kommt, wird bestimmt erst eine kleine Irrfahrt durch die schmalen Dorfgäßchen machen, ehe er ungläubig auf den Hof des Händlers einfährt.

Hühner hüpfen ihm vor die Räder, Hunde kläffen ihn an, der Geruch von kräftigem Dorfmist steigt ihm in die Nase. Und inmitten der Idylle blitzen Yamaha-Motorräder in der Sonne, die auf ihre Käufer warten, machen Zweiradfreunde, die es immer wieder nach Deute zieht, Vesperpause.

Auf eine friedliche Atmosphäre legen die Laaks großen Wert. Grete Laaks: „Wir wollen mithelfen, das Image der Motorrad-Fahrer anzuheben. Harte Worte oder Stunk gibt’s bei uns nicht.“

Und so kommen immer wieder Eltern von zweiradbegeisterten Sprößlingen nach Deute, um sich den „Wallfahrtsort für Motorradfahrer“, wie sich ein Vater ausdrückte, anzusehen. Es sind Eltern, die sich mal mit eigenen Augen davon überzeugen wollen, was ihre Kinder in ihrer Freizeit tun, warum sie sich in Deute wohlfühlen.

Jugendliche Fahrer liegen den Laaks besonders am Herzen. Grete Laaks verfolgt jeden schweren Motorradunfall in der Umgebung und versucht, seine Ursache zu ergründen. Heute weiß sie: „Vielfach sind Helme mit schuld, wenn schwere Kopfverletzungen zu beklagen sind. Darum verkaufen wir nur bestimmte Sorten von Helmen, von denen wir wissen, daß sie wirklich schützen und nicht aufplatzen. Es gibt ja eine ganze Anzahl von – meist billigen – Helmen, in die ich gerade noch Blumen pflanzen würde. Aber aufsetzen – nie.“

Genauso konsequent geht das Ehepaar beim Verkauf von Motorrädern vor. Besonders Grete Laaks. Sie hat schon so manchen jungen Fahrer verblüfft, dem sie nicht das Motorrad verkaufen wollte, das er sich ausgesucht hatte. Obwohl er bar bezahlt hätte.

Die Geschäftsfrau, selbst Mutter von zwei Söhnen, erkundigt sich bei Kunden, die sie noch nicht kennt, erst einmal genau nach dem Datum seiner Führerscheinprüfung, nach seinen Fahrkünsten, nach seiner Praxis auf dem Zweirad.

04 Grete LaaksWas geht das Grete Laaks an? Nun, sie meint, eine ganze Menge. „Aus Gewissensgründen“ würde sie keinem Führerscheinneuling eine 750- oder 1000-cm³-Maschine verkaufen. „Es wäre unverantwortlich, einen unerfahrenen Fahrer auf so ein schnelles Ding zu setzen. Denn er tut im kritischen Moment bestimmt nicht das Richtige.“ Die Laaks möchten nicht mitschuldig sein an schweren Verletzungen, am finanziellen Ruin von jungen Fahrern und schon gar nicht an noch Schlimmerem. Darum versuchen sie immer, den Motorrad-Neuling für ein kleineres Modell zu begeistern. Will er sich nicht überzeugen lassen – dann muß er eben wieder gehen. Ohne Motorrad. Grete Laaks: „Er kann dann sein Glück bei einem anderen Händler versuchen.“ Wir haben jetzt die ersten Kunden, die sich das dritte Motorrad bei uns kaufen, mit 21, 22 Jahren. Sie haben heute eingesehen, daß ihre Träume damals zu hoch gesteckt waren und sind uns jetzt dankbar, daß wir ihnen am Anfang nur eine kleine Maschine verkauft hatten. Bei jedem Kauf haben sie ein paar Kubik, ein paar PS mehr zugegeben.“

Die Laaks wissen, daß sie mit ihren Verkaufsmethoden ziemlich allein auf weiter Flur stehen, daß sie wohl schon so mancher jugendliche Kunde für altmodisch und verrückt erklärt hat. Aber sie wollen an ihrem Konzept festhalten. Es hat sich, so glauben sie, bewährt.

03 Yamaha CupmaschineWas für den Neukauf gilt, keinem Kunden das Fell über die Ohren zu ziehen, das gilt auch in der Werkstatt. Die beiden sind sich einig: „Wir versuchen, Fahrern, die keine Ahnung von ihrer Maschine haben, Grundkenntnisse beizubringen. Damit sie bei einer Panne unterwegs auch einmal selbst schrauben können. Damit sie nicht immer auf Pannenhelfer angewiesen sind.“

Ihr Prinzip: „Wir haben keine Schleuderpreise, aber wir versuchen, jede Rechnung angemessen zu halten. Denn wir geben uns mit jedem Kunden viel Mühe, wir nehmen uns Zeit für die Probleme des einzelnen.“ Behilflich sind dabei die drei Angestellten und ein Auszubildender.

Wie eine große Familie, so versteht Grete Laaks ihr Unternehmen. Samstags ist das am deutlichsten zu spüren. Nämlich dann, wenn alle Angestellten und die zusätzlich aushelfenden Jungen gemeinsam essen.

Denn Oma Laaks kocht für alle, die im Laden und in der Werkstatt helfen. Selbst, wenn’s mal zwölf oder 13 hungrige Mägen sind. Auch das, so meinen die Laaks, hebt das Betriebsklima. Und das wiederum kommt den Kunden zugute.

Daß die außergewöhnliche und heute leider sehr selten gewordene Geschäftsführung bei den meist jungen Käufern ankommt, zeigen Beliebtheit und Durchsetzungsvermögen der Firma Laaks. Auch wenn mancher unerfahrene Kubik-Fanatiker beleidigt und verärgert Deute wieder verläßt, um sich woanders seine 1000er zu besorgen: Für ihn kommen viele andere Zweiradfreunde, die sich hier wohlfühlen, Vertrauen zu der Arbeit Laaks’ haben und deswegen inzwischen zu Stammkunden geworden sind.


02 Leistungspruefstand Yamaha05 Hans Theo Laaks Werkstatt  

Fotos + Text: Karin Frohnmeyer


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