|
Hans-Georg Anscheidt wurde am 23. Dezember 1935 im ostpreußischen Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, geboren und flüchtete nach dem Krieg mit seinen Eltern in die Bundesrepublik. Nach einer Kraftfahrzeug-Schlosser-Lehre begann er 1953 mit dem Geländesport, ab 1957 fuhr er Grasbahn-Rennen. Als Kreidler Ende 1959 für ihre Werksbeteiligung am neu aufkommenden Moto Cup für 50-Kubik-Maschinen Fahrer suchte, bewarb er sich und bekam nicht nur den Fahrerjob, sondern auch eine Anstellung in der Entwicklungsabteilung.
Anscheidt gewann 1960 alle vier Rennen und die Gesamtwertung des Moto Cups. In dieser Zeit bastelten er und seine rennbegeisterten Kollegen in der Entwicklungsabteilung im Geheimen an einem richtigen Rennmotor, der untereinander „Anwigeige“ hieß, zusammengesetzt aus den Namen Anscheidt, Winterhof, Geiling und Gegele. Er hatte je einen Drehschieber und einen Vergaser pro Seite. Bald lief der Motor und hatte auch richtig Leistung, da wurde die Konstruktionsabteilung aufmerksam. „Da gab es etwas Krach. Normalerweise sollten wir ja nur das machen, was die von oben auf dem Papier heruntergebracht haben“, schmunzelt Anscheidt bis heute.
Für 1961 wurde ein Rennmotorrad mit Rohrrahmen und Verkleidung um dieses Aggregat herum gebaut, Kreidler schickte Anscheidt in die 1961 erstmals ausgeschriebene 50-ccm-Europameisterschaft, und diese gewann er ebenfalls auf Anhieb. 1962 wurde die 50er-Klasse bereits als Weltmeisterschaft ausgeschrieben, und für Kreidler als Europameister war es praktisch ein Muss, dort anzutreten. Doch sie wussten, dass auch die japanischen Werke kommen werden. So wurde der Motor weiterentwickelt. „Es wurden richtige Gussformen gemacht, denn den 1961er-Motor hatte man noch aus dem Vollen gefräst und mit Uhu Plus zusammengeklebt“, erinnert sich Anscheidt. Er gewann auch das Auftakt-Rennen der 50er-Weltmeisterschaft im Montjuïc-Park von Barcelona, doch dann wurden die Japaner immer stärker. Ernst Degner gewann mit der Suzuki ab der TT auf der Isle of Man vier Rennen in Folge und wurde erster 50er-Weltmeister vor Anscheidt und Luigi Taveri auf Honda.
Auch 1963 wurde Anscheidt mit Kreidler Vizeweltmeister hinter dem Neuseeländer Hugh Anderson auf Suzuki, 1964 reichte es gegen die neuen japanischen Zweizylinder-Motoren mit Kreidlers Einzylinder noch zum dritten WM-Rang. Da war jedoch bereits klar, dass Kreidler nicht die Mittel und die Kapazitäten hatte, um das Wettrüsten der Japaner mitzugehen und sie zogen sich Ende 1965 aus der Weltmeisterschaft zurück. Aber bereits Mitte 1965 wurde Anscheidt von Suzuki gefragt, ob er das letzte Rennen der Saison in Suzuka für sie fahren könnte. Kreidler gab ihm die Erlaubnis, er wurde in Suzuka Dritter und bekam einen Vertrag für 1966. Anscheidt wurde 1966 und ´67 Weltmeister, aber nach der TT 1967 sagte Suzuki seinen Fahrern, dass sich das Werk Ende des Jahres aus der Weltmeisterschaft zurückzieht. Anscheidt fragte daraufhin, ob er die Suzuki noch ein Jahr in Eigenregie einsetzen könne. „Sie stimmten zu und schickten mir im Winter ein Motorrad auf dem neuesten Stand, Ersatzmotoren und viele Ersatzteile“, erinnert er sich. Damit wurde er zum dritten Mal in Folge Weltmeister, bevor er mit 32 Jahren den Helm an den Nagel hängte.
Er verkaufte danach zunächst Investments, bevor er 1972 zu Recaro ging und zwanzig Jahre lang ihr Repräsentant für Deutschland wurde. Mit ihm schafften sie es, Hundert-Prozent-Ausrüster einiger Rennserien zu werden. Sein Sohn Achim kam auch in die Auto-Industrie und brachte es bis zum Chefdesigner bei Bugatti. Jetzt wird Hans-Georg Anscheidt, der in Olching lebt und vor zwei Jahren zur MotoGP-Legende gekürt wurde, bei bester körperlicher und geistiger Frische 90 Jahre alt.
|